Nachdem wir uns im ersten Teil dieser aufregenden Reihe am Wohnzimmertisch quer durch die spärlich linierten Landkarten Deutschlands geblufft haben, tauchen wir heute deutlich tiefer in die analoge Spielwelt ab. Wir verlassen die klassischen Brettspiele und widmen uns dem faszinierenden Bereich der Pen-&-Paper-Rollenspiele, die die Fantasie wohl am stärksten beflügeln!
Wenn man meinen Spieleschrank durchforstet, findet man oft dieses eine System, dessen dicke Regelwerke und Hintergrundbücher den meisten Platz wegnehmen. Für mich ist dieser Schatz ganz klar Shadowrun. Ein System, das eine so absurde wie geniale Prämisse hat: Stell dir vor, knallharter Cyberpunk trifft auf klassische Fantasy, was für eine aufregende Mischung!
Schnellcheck
Ursprungsverlag FASA Corporation (heute Catalyst Game Labs / Pegasus Spiele)
Erscheinungsjahr 1989 (1. Edition) / Aktuell: 6. Edition
Genre Cyberpunk & Urban Fantasy
Spielmaterial Unmengen an sechsseitigen Würfeln (W6), Charakterbögen, dicke Regelwerke
Goldene Regel „Geek the mage first!“ oder „Keine Deals mit Drachen!“
Worum geht es eigentlich? Chrom, Magie und Megakonzerne
In Shadowrun existiert die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr. Megakonzerne haben de facto die Macht der Regierungen übernommen. Doch der eigentliche Twist geschah im Jahr 2011 mit dem sogenannten „Erwachen“. Magie kehrte in die Welt zurück. Menschen mutierten plötzlich zu Orks und Trollen, Elfen und Zwerge wurden geboren und uralte Drachen erhoben sich in den Himmel (und wurden CEOs von Großkonzernen).
Wir Spieler schlüpfen in die Rolle von „Runnern“: Kriminellen, Söldnern und Ausgestoßenen, die in den Schatten dieser Konzerne agieren. Wir werden von dubiosen Mittelsmännern, die stets „Mr. Johnson“ genannt werden, für illegale Jobs angeheuert: Datendiebstahl, Sabotage, Extraktionen.
Berüchtigt ist das Spielsystem dafür, dass man gerne mal Hände voll sechsseitiger Würfel (W6) über den Tisch rollen lässt. Wenn ein gut ausgerüsteter Troll mit einem schweren Maschinengewehr schießt oder ein Decker in der Matrix feindliche ICE-Programme bekämpft, scheppert es ordentlich auf dem Spieltisch.
Die umgekehrte Brücke: Vom Pixel-Runner zum Würfel-Sammler
Wie im ersten Artikel festgestellt, gilt: Das Analoge ist oft das Fundament des Digitalen. Shadowrun ist die Blaupause für komplexe Cyberpunk-Videospiele. Doch das Witzige ist: Meine persönliche Reise in die Sechste Welt verlief genau andersherum.
Mein erster wirklicher Kontakt mit dem Franchise war nicht das dicke Regelwerk, sondern der PC-Bildschirm. Genauer gesagt waren es die großartigen, über Kickstarter finanzierten RPGs von Harebrained Schemes: Shadowrun Returns, Dragonfall und Hong Kong. Diese Spiele, die als spirituelle Nachfolger des legendären „Shadowrun” für das SNES aus den 90ern entstanden sind, haben mich komplett in ihren Bann gezogen. Die dichte Atmosphäre, die dreckigen Neon-Straßen, die tiefgründigen Dialoge. Ich habe dieses digitale Universum aufgesogen.
Doch irgendwann reichte mir der Bildschirm nicht mehr. Die Videospiele hatten in mir den Drang geweckt, diese Welt völlig frei und ohne die Grenzen eines programmierten Codes zu erleben.
Mein Einstieg ins analoge Pen & Paper
Das Resultat? Ich holte mir die 6. Edition des Pen-&-Paper-Rollenspiels und brachte die Schatten in meine Wohnung. Mit der 6. Edition als meinem aktiven Spielsystem öffnete sich eine völlig neue Tür. Die ultimative Open-World-Engine ist und bleibt eben ein guter Spielleiter und eine kreative (und oft völlig verrückte) Gruppe aus Freunden.
Der Lore-Sammelwahn: Obwohl ich die aktuellen Regeln der 6. Edition spiele, hat das Universum eine solche Faszination auf mich ausgeübt, dass mein Regal mittlerweile aus allen Nähten platzt. Ich habe unzählige Bücher und Quellenbände aus älteren Editionen gesammelt, nicht für die Regeln, sondern rein für die „Lore“. Die Hintergrundgeschichte von Shadowrun ist über Jahrzehnte organisch gewachsen und so dicht und spannend geschrieben, dass sich die Quellenbücher fast wie Romane lesen.
Warum es ein Schatz bleibt
Shadowrun ist ein System voller Kontraste, in dem ein hochgerüsteter Straßensamurai Seite an Seite mit einem schamanistischen Magier kämpft. Für mich ist es der ultimative Beweis, dass Videospiele und analoge Spiele keine Konkurrenten sind. Das digitale Shadowrun Returns hat mich in die Welt verliebt gemacht, aber erst das analoge Pen & Paper, die haptischen Würfel und das gemeinsame Geschichtenerzählen haben es zu einem unersetzlichen Schatz in meinem Spieleschrank gemacht.

