Ein beklemmender Alltag im Überwachungsstaat
Dystopicon wirft uns direkt in eine düstere Zukunft, in der Roboter einen Großteil der Menschheit ersetzt haben und wir als unbedeutender „Bürger 2. Klasse“ unseren Platz finden müssen. Das Spiel schafft es hierbei, eine extrem beklemmende Grundstimmung aufzubauen. Wenn man in seiner winzigen Wohnung sitzt und gezwungen ist, sein tägliches Pflichtprogramm im Fernsehen zu konsumieren, fühlt man sich wirklich wie ein winziges Rädchen in einem riesigen Überwachungsapparat. Die Atmosphäre erinnert stark an Literaturklassiker wie „1984“ oder daran, wie man sich den beklemmenden Alltag in der DDR vorstellen würde. Das Worldbuilding hat mich anfangs überzeugt.
Zwischen Eintönigkeit und Existenzangst
Der spielerische Kern besteht im Wesentlichen aus Zeitmanagement: Wir schauen Fernsehen um unser Gehalt zu verdienen und müssen dieses dann für Dienstleistungen und unsere grundlegenden Bedürfnisse ausgeben. Leider wird dieser Ablauf sehr schnell ziemlich eintönig. Allerdings entsteht ab einem gewissen Punkt ein enormer Druck. Das Leben in dieser Dystopie ist teuer, das Einkommen gering und das Geld reicht hinten und vorne nicht aus. Dieser Stress und die ständige Angst, sich das Leben nicht mehr leisten zu können, passen zwar atmosphärisch perfekt zu dieser deprimierenden Welt, machen das Gameplay auf Dauer aber eher anstrengend als wirklich motivierend.
Oberflächliche Rebellion und störende Details
Das Spiel verspricht, dass man nicht nur brav konsumieren muss. Man soll Geheimnisse lüften, sich mit Dissidenten zusammentun und gegen das System auflehnen können. Das klang für mich spannend, bietet in der Praxis aber leider viel zu wenig Substanz. Die Geschichte und die Möglichkeiten zur Rebellion bleiben enttäuschend oberflächlich. Man hat das Gefühl, die Idee ist da, wird aber nicht konsequent zu Ende gedacht. Dadurch nutzt sich das Spielprinzip extrem schnell ab und ist insgesamt viel zu kurzweilig, um wirklich im Gedächtnis zu bleiben.
Zudem gab es eine Designentscheidung, die mich persönlich sehr gestört hat: Einige Namen im Spiel spielen ganz offensichtlich auf die NS-Zeit an. Das wirkte auf mich völlig deplatziert, unpassend und hat mich eher aus dem Spielerlebnis herausgerissen.
Minimalistische, aber passgenaue Präsentation
Was die grafische Umsetzung angeht, ist Dystopicon sehr einfach gehalten. Wer hier aufwendige Animationen erwartet, ist an der falschen Adresse. Dennoch passt dieser reduzierte, visuelle Stil wunderbar zum Gameplay und zum überschaubaren Spielumfang. Die karge Optik unterstreicht das Gefühl, in einer tristen, freudlosen Dystopie festzusitzen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Sound. Auch die akustische Untermalung ist minimalistisch und schlichtweg zweckmäßig. Die funktionalen Klänge begleiten den monotonen Alltag vor dem Bildschirm, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Das reißt audiovisuell keine Bäume aus, fügt sich aber nahtlos in den restlichen Spielumfang ein und unterstützt die beklemmende Grundstimmung.
The Review
Dystopicon
Dystopicon hat eine faszinierende Prämisse und baut anfangs eine starke, bedrückende Atmosphäre auf. Leider scheitert das Spiel an der langfristigen Umsetzung, dem monotonen Gameplay und dem fehlenden Tiefgang bei der Story. Wer ein Spiel sucht, das sich intensiv mit Überwachungsstaaten, moralischen Entscheidungen und dystopischem Alltag auseinandersetzt, sollte sich lieber an das große Vorbild Papers, Please oder ähnliche Titel halten. Es gibt auf dem Markt Spiele, die diese Thematik deutlich besser und tiefgründiger behandeln.
PROS
- Sehr starke, beklemmende Atmosphäre
- Der ständige Geldmangel erzeugt einen spürbaren, zum Setting passenden Überlebensdruck.
- Einfach gehaltene, aber sehr stimmige und zum Spielumfang passende Grafik- und Soundkulisse.
CONS
- Der Gameplay-Loop (Fernsehen schauen) wird schnell sehr eintönig.
- Die Story rund um Geheimnisse und Rebellion ist zu oberflächlich und bietet wenig Inhalt.
- Das Spiel ist insgesamt zu kurzweilig und lässt Langzeitmotivation vermissen.
- Fragwürdige und unpassende NS-Anspielungen bei der Namensgebung.
