Für den heutigen Schatz aus dem Spieleschrank wechseln wir das Medium und packen eine kleine, unscheinbare Schachtel auf den Tisch. Doch lasst euch von der niedlichen Grafik nicht täuschen: Was jetzt folgt, ist der lauteste, verzweifeltste und unbarmherzigste Agrarmarkt der Brettspielgeschichte.
Ich präsentiere den großen Durchbruch von Star-Autor Uwe Rosenberg: Bohnanza. Ein Kartenspiel, das seit über 25 Jahren Freundschaften auf die Probe stellt und bei dem man plötzlich anfängt, völlig hysterisch Blaue Bohnen zu verschenken.
Verlag Amigo
Erscheinungsjahr 1997
Autor Uwe Rosenberg
Spieleranzahl 3 bis 5 Personen (mit Erweiterungen bis 7)
Spieldauer ca. 45 Minuten
Kategorie Kartenspiel
Worum geht es eigentlich?
Das Spielprinzip von Bohnanza ist im Kern denkbar simpel: Wir sind Bohnenbauern. Wir pflanzen Bohnen auf unseren Feldern an, ernten sie und verkaufen sie für Bohnentaler. Wer am Ende die meisten Taler hat, gewinnt. Es gibt Rote Bohnen, Saubohnen, Feuerbohnen, Brechbohnen – jede mit unterschiedlicher Häufigkeit im Deck und unterschiedlichem Ertrag.
Doch Uwe Rosenberg hat diesem harmlosen Konzept zwei absolut geniale und diabolische Regeln verpasst, die das Spiel zu dem Meisterwerk machen, das es ist.
Der diabolische Kniff: Das Eiserne Gesetz der Handkarten
Regel Nummer 1: Du darfst die Reihenfolge deiner Handkarten unter keinen Umständen verändern! Wie du sie ziehst, so musst du sie auf der Hand behalten.
Regel Nummer 2: Du musst in deinem Zug die vorderste Karte deiner Hand anbauen.
Du hast aber nur zwei (später vielleicht drei) Bohnenfelder. Wenn auf deinen Feldern gerade Rote Bohnen und Blaue Bohnen wachsen, deine vorderste Handkarte aber plötzlich eine Brechbohne ist, hast du ein massives Problem. Du bist gezwungen, eines deiner Felder vorzeitig und oft völlig unprofitabel abzuernten, um Platz für diese verdammte Brechbohne zu machen.
Die einzige Rettung? Der Handel.
Du darfst in deinem Zug Handkarten mit deinen Mitspielern tauschen, egal an welcher Position sie auf deiner Hand stecken. Was als gesitteter Tauschmarkt beginnt („Gebe eine Blaue Bohne, suche eine Rote“), eskaliert rasend schnell. Weil jeder Spieler unbedingt die Karten loswerden muss, die ihm vorne die Hand blockieren, werden Bohnen plötzlich verzweifelt verschenkt: „Bitte, nimm diese Feuerbohne! Ich will nichts dafür, nimm sie einfach, sonst muss ich mein Feld abreißen!“
Es ist das pure Prinzip von Angebot und Nachfrage in Echtzeit. Bohnanza nimmt dieses chaotische, laute Geschrei eines digitalen Handelskanals und presst es in eine 45-minütige Kartenspiel-Runde am Küchentisch. Kein NPC-Händler mit festgelegten Preisen nimmt dir hier dein Inventar ab. Du musst echte, sture Menschen davon überzeugen, dass dein Deal für sie gut ist und der Markt reguliert sich durch die Gier (und Verzweiflung) der Spieler komplett selbst.
Warum es ein Schatz bleibt
Die kleine Amigo-Schachtel in meinem Regal sieht aus, als hätte sie schon einen Krieg überlebt. Die Ränder der Karten sind abgestoßen, einige haben Kaffeeflecken. Bohnanza hat jeden Umzug und jedes Ausmisten überlebt, weil es ein unfassbar zeitloses Design hat.
Es passt in jede Tasche, es holt Gelegenheitsspieler genauso ab wie Taktik-Füchse und es zwingt uns dazu, ununterbrochen miteinander zu reden (oder uns anzuschreien). In einer Zeit, in der viele moderne Brettspiele eher „Multiplayer-Solitär“ sind, bei dem jeder still auf sein eigenes Tableau starrt, ist Bohnanza ein lautes, interaktives Fest der puren Spieler-Interaktion. Ein echter, alteingesessener Schatz, auf den ich nicht verzichten möchte.

