Die Hallen der Koelnmesse beben jedes Jahr unter dem wummernden Bass der Millionenbudgets. Glitzernde LED-Fassaden, dröhnende Trailer und gigantische Anspielstationen dominieren das Bild. Wer als Fachbesucher, Pressevertreter oder einfach als träumender Gamer durch diese Gänge flaniert, wird unweigerlich von der schieren Wucht der AAA-Industrie erschlagen. Doch wenn man abseits der Hauptgänge genau hinhört, droht der eigentliche Herzschlag unseres Mediums im Lärm der großen Blockbuster zu verstummen. Die Indie-Szene, die unbestrittene kreative Herzkammer der Spieleindustrie, blutet aus. Und wir alle stehen daneben und schauen zu.
Kreative Giganten am finanziellen Abgrund
Wer heute als unabhängiges Entwicklerstudio nach Köln reist, kommt nicht mehr nur mit Visionen und spielbaren Träumen im Gepäck, sondern vor allem mit purer Existenzangst. Die Messe, einst als Schaufenster für die gesamte Bandbreite des Gamings gefeiert, hat sich zu einem hochkapitalistischen Pflaster entwickelt. Die blanken Standpreise, die Kosten für Strom, Teppichboden und obligatorische Marketing-Pauschalen fressen Budgets, die zwingend in die Entwicklung der Spiele fließen müssten. Messekultur in Köln ist zunehmend ein Privileg des Kapitals geworden. Für die kleinen Teams, die oft ohne Publisher-Vorschuss arbeiten, ist die Teilnahme eine existenzbedrohende Wette. Sie werden in die hinteren Hallen oder auf enge Gemeinschaftsflächen gedrängt, während die immer gleichen, seelenlosen Fortsetzungen der Branchenriesen den roten Teppich ausgerollt bekommen. Für die wichtigste Bühne Europas ist bei den kleinen Entwicklern schlicht kaum noch Geld übrig.
Sicherheitslücken, die Existenzen vernichten
Es sind aber nicht nur die offiziellen Kosten, die den Studios den Schlaf rauben. Die Rahmenbedingungen auf dem Messegelände sind nach den Vorfällen der vergangenen Jahre untragbar geworden. Wenn Indie-Entwicklern auf der Messe Laptops, Dev-Kits und damit unersetzbare Prototypen gestohlen werden, ist das kein simples Ärgernis. Es ist ein potenzieller Sargnagel. Für einen Großkonzern ist ein verschwundener Rechner ein routinierter Versicherungsfall. Für ein kleines Indie-Studio bedeutet der Verlust von Hardware und Build-Daten oft das sofortige Ende jahrelanger harter Arbeit. Während die Bühnen der großen Publisher gesichert werden wie Hochsicherheitstrakte, lässt man die verwundbarsten Aussteller mit ihrem Risiko erschreckend allein.
Im toten Winkel der Verbandspolitik
Man sollte meinen, dass der Branchenverband game hier längst mit geballter Faust auf den Tisch haut, um seine verletzlichsten und gleichzeitig wichtigsten Akteure zu schützen. Die bittere Realität sieht anders aus: Im Verband scheinen die kleinen Studios chronisch unterzugehen. Es wird primär auf die ganz Großen gebaut, auf deren Bedürfnisse gehört und deren Politik gemacht. Von der Politik, die Videospiele ohnehin stiefmütterlich und durch immer neue Förderstopps unberechenbar behandelt, erwartet in der Branche kaum noch jemand Wunder. Videospiele haben es in Deutschland ohnehin schwer genug, doch die Indies fallen komplett durchs Raster. Sie werden sowohl vom Staat als auch vom eigenen Verband ignoriert, während sie die kulturelle Relevanz und den Innovationsgeist des Mediums fast im Alleingang aufrechterhalten.
Die Kölner Hotel-Abzocke
Und als wäre der Kampf um Sichtbarkeit und Überleben auf dem Messegelände nicht schon zermürbend genug, hält die Stadt Köln jeden August kollektiv die Hand auf. Ein Aspekt, der viel zu selten laut ausgesprochen wird: Die Hotelpreise während der gamescom-Woche sind schlichtweg unverschämt und zwar für alle. Egal ob Presse, Fachbesucher, passionierter Fan oder eben Indie-Entwickler. Wer 300 bis 500 Euro pro Nacht für ein oft zweitklassiges Zimmer zahlen muss, leistet unfreiwillige Subventionierung für eine Hotellerie, die den Hype schamlos abkassiert. Gerade für kleine Studios, die jeden Euro dreimal umdrehen müssen, sind diese Wucherpreise absolut toxisch und ein weiterer, massiver Grund, der gamescom fernzubleiben.
Ein dringend nötiger Richtungswechsel
Es muss sich zwingend etwas verändern. Beim game-Verband muss ein Umdenken stattfinden, damit Indies mehr Aufmerksamkeit erhalten und auf der gamescom besser und sicherer vertreten sind und das für deutlich schmaleres Geld. Die Indie-Szene ist verdammt groß, doch sie braucht eine Lobby, die diesen Namen verdient.
Wenn die großen Publisher die glitzernde Fassade der Industrie sind, dann sind die unabhängigen Entwickler das tragende Fundament. Lässt man dieses Fundament aus Ignoranz und Bequemlichkeit weiter verrotten, bricht irgendwann auch die lauteste und ehemals wichtigste Messe der Welt leise in sich zusammen. Quo vadis, gamescom? Es wird höchste Zeit, sich wieder daran zu erinnern, wofür diese Hallen eigentlich stehen sollten.

