Nach Jahren flexibler Arbeitsmodelle zieht der französische Publisher Ubisoft die Reißleine: Eine neue, weltweite Präsenzpflicht holt die Entwickler weitgehend zurück in die Büros. In den deutschen Niederlassungen, insbesondere bei Ubisoft Mainz, formiert sich nun starker Widerstand. Gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di protestieren die Beschäftigten gegen das Ende der etablierten Homeoffice-Regelungen und warnen vor einem Exodus qualifizierter Fachkräfte.
Die „Rolle rückwärts“ des Publishers
Die neue Direktive aus der Konzernzentrale betrifft weltweit rund 16.000 Angestellte, darunter auch die über 800 Beschäftigten der deutschen Standorte in Mainz, Berlin und Düsseldorf. Bisher hatte Ubisoft intensiv mit hybriden Arbeitsmodellen um neue Talente geworben, selbst nach der Hochphase der Covid-Pandemie.
Im Zuge eines groß angelegten Unternehmensumbaus in fünf sogenannte „Creative Houses“ ändert sich dieser Kurs nun drastisch. Das Management sieht die persönliche Zusammenarbeit vor Ort als „Schlüsselfaktor“ für Effizienz, Kreativität und Erfolg. In einer offiziellen Stellungnahme verteidigt Ubisoft den Schritt: Das neue Präsenzarbeitsmodell beinhalte weiterhin eine festgelegte Anzahl von Remote-Tagen pro Jahr sowie Ausnahmen für individuelle Situationen. Man sei überzeugt, dass die Arbeit vor Ort den Wissensaustausch und die Integration in die Teams fördere.
Begleitet wird diese Umstrukturierung von einem rigorosen Sparkurs: Durch Stellenstreichungen und Studioschließungen sollen konzernweit jährlich 200 Millionen Euro eingespart werden.
Proteste bei den Anno-Entwicklern in Mainz
An der Basis stößt der plötzliche Kurswechsel auf massiven Unmut. Vor dem Firmensitz von Ubisoft Mainz, wo derzeit über 160 Mitarbeiter unter anderem an Anno 117: Pax Romana arbeiten, sowie in der Düsseldorfer Deutschland-Zentrale fanden Protestaktionen statt. Die Gewerkschaft ver.di verteilte Buttons gegen die „Return to Office“-Pflicht und suchte das Gespräch mit der Belegschaft.
Holger Meuler, betreuender Gewerkschaftssekretär von ver.di, sieht in der starren Präsenzpflicht einen klaren Rückschritt im internationalen Kampf um Fachkräfte. Die Belegschaft argumentiert, dass erfolgreiche Spiele in den vergangenen Jahren problemlos im Homeoffice entwickelt wurden.
Im Zentrum der Proteste stehen klare Forderungen an die Geschäftsführung: Die Beschäftigten drängen vor allem auf eine Absicherung durch einen Tarifvertrag, der das Recht auf mobiles Arbeiten verbindlich festschreibt und so künftige einseitige Managemententscheidungen verhindert.
Darüber hinaus verlangt die Gewerkschaft, dass der Arbeitgeber bei stattfindendem Homeoffice die anfallenden Kosten für Ausstattung, Strom und Internet übernimmt. Flankiert werden diese finanziellen Aspekte von der Forderung nach umfassenden Schutzmechanismen, zu denen verbindliche Regeln für den Arbeitsschutz, die Erreichbarkeit sowie der Schutz vor digitaler Überwachung gehören.
Wie tiefgreifend die Einschnitte durch die neue Regelung sind, zeigt sich an der persönlichen Situation der Belegschaft: Die erzwungene Rückkehr ins Büro bedeutet für viele Entwickler nicht nur spürbar höhere Kosten und längere Pendelwege, sondern verursacht auch massive organisatorische Hürden bei der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen.
Der Faktor Betriebsrat
Dass Ubisoft die Anwesenheitspflicht in Deutschland reibungslos durchsetzen kann, ist keineswegs garantiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen der Spielebranche verfügen die deutschen Ubisoft-Studios (Mainz, Berlin und Düsseldorf) seit 2024 beziehungsweise 2025 über gewählte Betriebsräte.
Diese Gremien haben bei der Ausgestaltung von Arbeitszeitregelungen ein handfestes Mitspracherecht. Bestehende Betriebsvereinbarungen zum Homeoffice müssen zunächst formell gekündigt und neu verhandelt werden. Zudem sind Übergangsfristen gesetzlich vorgeschrieben. Arbeitsrechtler und Gewerkschaften kritisieren derweil branchenübergreifend, dass verpflichtende „Return to Office“-Anordnungen oft gezielt von Konzernen genutzt werden, um die Belegschaft auf geräuschlosem Weg zu reduzieren, wenn Angestellte die neuen Arbeitswege nicht in Kauf nehmen können oder wollen und von sich aus kündigen.
(Quellen: eurogamer.de und gameswirtschaft.de)
Hintergrund: Präsenzpflicht als „verdeckter Stellenabbau“?
Dass angeschlagene Konzerne gerade in Krisen- und Sparphasen die Rückkehr ins Büro anordnen, ist kein Zufall. Arbeitsmarktexperten und Branchenbeobachter erkennen in solchen „Return to Office“-Mandaten (RTO) oft eine strategische Doppelrolle. Hinter den offiziell kommunizierten Gründen wie „Kreativität“, „Kultur“ und „Effizienz“ verbergen sich handfeste finanzielle Kalküle:
„Stealth Layoffs“ (Verdeckte Entlassungen): Wenn ein Konzern wie Ubisoft 200 Millionen Euro einsparen muss, bedeutet das zwangsläufig Personalabbau. Offizielle Massenentlassungen sind jedoch teuer (Abfindungen, Sozialpläne) und schaden dem Image bei Investoren massiv. Zudem sind sie gerade im deutschen Arbeitsrecht mit seinem starken Kündigungsschutz und den involvierten Betriebsräten schwer umzusetzen. Eine strikte Präsenzpflicht umgeht dieses Problem elegant: Das Management kalkuliert bewusst ein, dass ein gewisser Prozentsatz der Belegschaft – etwa Angestellte mit langen Pendelwegen, Care-Arbeit oder solche, die aus den teuren Ballungszentren weggezogen sind – von sich aus kündigt. Das Unternehmen schrumpft seine Lohnkosten, ohne einen Cent für Abfindungen zahlen zu müssen.
„Sunk Costs“ bei Immobilien: Viele Konzerne sind vor oder während der Pandemie langfristige, millionenschwere Mietverträge für repräsentative Bürogebäude eingegangen. Diese Kosten laufen weiter, unabhängig davon, ob jemand am Schreibtisch sitzt (sogenannte „Sunk Costs“). In Zeiten roter Zahlen und nervöser Aktionäre gerät das Management unter Druck, diese teuren Immobilienausgaben zu rechtfertigen. Volle Büros simulieren gegenüber Investoren Geschäftigkeit und rechtfertigen die Ausgaben.
„Produktivitätsparanoia“ und Kontrollverlust: Wenn die Geschäftszahlen einbrechen, greifen in Führungsetagen oft klassische Reflexe. Das Management möchte in Krisenzeiten das Gefühl von maximaler Kontrolle zurückgewinnen. Microsoft-Forscher prägten dafür den Begriff der „Produktivitätsparanoia“: Führungskräfte vertrauen nicht mehr darauf, dass ihre Teams im Homeoffice effizient arbeiten, selbst wenn die Datenlage etwas anderes sagt. Die physische Sichtbarkeit der Mitarbeiter wird fälschlicherweise wieder mit Leistung gleichgesetzt.
Für die Beschäftigten bei Ubisoft bedeutet das: Die Rückkehr ins Büro dürfte von der Konzernspitze nicht nur als Maßnahme für bessere Spiele, sondern schlichtweg als Instrument zur Kostensenkung und Fluktuationssteigerung gesehen werden.

