Nachdem ich mit dem Vorgänger in Mexiko nie wirklich warm geworden bin, stand für mich, wie für viele andere Rennspiel-Fans, ein Reiseziel ganz oben auf der Wunschliste: Japan. Jetzt hat das Horizon-Festival im Land der aufgehenden Sonne seine Zelte aufgeschlagen. Aber reicht eine schöne Kulisse, um die Motivation langfristig hochzuhalten? Nach ein paar Stunden am Spiel können wir schon mal sagen, dass es ein grundsolides Spiel ist, das echt viel Spaß macht. Aber leider ruht es sich zu sehr auf den Lorbeeren der vergangenen Jahre aus.
Hier ist unsere Beurteilung zu Forza Horizon 6. Wir schauen uns genau an, was der Titel richtig macht und wo er gnadenlos auf der Strecke bleibt.
Festival-Träume und Lootbox-Frust: Story, Umfang und Progression
Wenn wir in Forza Horizon 6 unsere Motoren starten, werden wir direkt von der gewohnten Horizon-Atmosphäre begrüßt. Das Setting in Japan erinnert irgendwie an die Zeiten im schottischen Großbritannien (Forza Horizon 4). Wer hier auf eine tiefgründige Geschichte oder eine coole Untergrund-Rennszene à la Need for Speed Underground 2 hofft, wird leider weiter bitter enttäuscht. Das Horizon-Festival ist wie ein durchkommerzialisiertes Mainstream-Event. Es ist pures Kapital, glattpoliert und sieht eher aus wie von einem heutigen Coachella-Festival oder Rock am Ring. Die Dialoge der Charaktere in der Story sind oft ziemlich peinlich und oberflächlich. Die Geschichte wird aus persönlicher Notwendigkeit heraus weitergespielt, um den Fortschritt abzuschließen.
Die Aktivitäten sind serientypisch enorm, aber es gibt ein gewaltiges Problem bei der Progression. Statt uns als Spieler langsam aufzubauen, wie es bei einem Gran Turismo der Fall ist, wo wir uns hocharbeiten und unseren Fuhrpark Stück für Stück erweitern, werden wir hier von der ersten Minute an mit absoluten Traumautos und Hypercars überschüttet. Die Schuld daran tragen vor allem die Wheelspins (Glücksräder). Die schütten entweder extrem viele und starke Autos aus oder eben kleine Geldbeträge. Das einfach Lootboxen und damit eine Form von Glücksspiel: Es demotiviert schnell, wenn man eigentlich nichts mehr erreichen muss.
Beim Umfang gibt’s trotzdem ein paar Lichtblicke. Die Missionen, in denen wir als Essenslieferant durch Tokio fahren, sind echt witzig. Gerne hätte es noch viel mehr und an verschiedenen Orten der Karte sein dürfen. Wir können uns auch abseits der Piste austoben. Wir können jetzt unsere eigene Garage dekorieren. Das ist vielleicht nicht der Hit für alle Spieler, aber eine nette Spielerei ist es allemal. Wenn du nicht gerade der kreativste Kopf bist, kannst du dich zum Glück an den tollen Vorlagen aus der Community bedienen.
Touge-Drifts und Tesla-Unfälle: Gameplay und Mechanik
Das Fahren ist der absolute Hammer für alle Fun- und Arcade-Racer-Fans. Die Steuerung mit dem Controller ist gut, auch wenn sich Simulatoren-Spieler kurz umgewöhnen müssen. Die neuen Touge-Battles (Bergrennen) sind im Gameplay ein toller Zugewinn. Wenn wir hier unsere Wagen quer um die Kurven werfen, lassen Filme wie „Fast and Furious: Tokyo Drift“ wunderbar grüßen. Wenn man das Driften auf diesen verwinkelten Straßen erst einmal beherrscht, fühlt es sich echt gut an. Die vorgefertigten Rundkurse und Sprints sind auch ziemlich spannend und die klassischen PR-Stunts wie Blitzer, Driftzonen und Gefahrenschilder sind zwar etwas repetitiv, aber in Ordnung.
Es ist sehr gut, dass es jetzt wieder so schönes Wetter hat. Die wechseln jetzt deutlich langsamer als noch in Teil 4, was dem Spielfluss sehr zugutekommt. Aber die Physik hinkt bei den Wettereinflüssen ziemlich hinterher. Wenn wir bei Regen oder auf tiefem Schnee fahren, macht das spielerisch kaum einen Unterschied: Beides ist einfach nur exakt gleich glatt. Für ein Rennspiel dieser Klasse halten wir das für nicht korrekt umgesetzt. Auch ein altes Problem im Cockpit wurde nicht gelöst: Die Lenkanimation der Hände passt einfach nicht zur realistischen Lenkung des Autos. Das ist ein Fehler, den wir schon aus etlichen Vorgängern kennen.
Beim Tuning und dem Fuhrpark setzt sich das Recycling leider fort. Abgesehen von der neuen und coolen Idee der „Aftermarket Cars“ (vorefertigte Tuning-Autos, die wir in der Welt finden) bleibt beim optischen Tuning und beim Aufrüsten der Leistung alles beim Alten. Wir kriegen genau die gleichen Bodykits, Spoiler und Felgen serviert, die wir schon aus den letzten Jahren kennen. Schade ist es auch, dass bei der Fahrzeugauswahl moderne E-Autos und verschiedene andere Marken und Modelle fehlen. Vielleicht kommen die Infos später noch, aber am Anfang ist die Auswahl noch nicht so toll. Eine echt amüsante neue Spielfunktion ist der Autopilot. Dieser ist super, um den Controller mal kurz wegzulegen und sich von A nach B chauffieren zu lassen, während man die Landschaft genießt. Witzigerweise scheint die KI dabei aber gefühlt mehr Unfälle zu bauen als jeder echte Tesla-Prototyp.
Kirschblütenzauber und Betonwüsten: Die Grafik
Forza Horizon 6 läuft auf der Xbox Series X technisch meistens ziemlich gut. Die Ladezeiten sind kurz und es ist auch klasse, dass das Spiel für PC-Spieler direkt „Steam Deck Verifiziert“ ist. Es gibt aber manchmal Abstürze, die vor allem beim Wechsel in eine Cutscene aufgefallen sind, zum Beispiel bei den berühmten Scheunenfunden. Einen riesigen, beeindruckenden Fortschritt oder eine spürbare Weiterentwicklung der Engine im Vergleich zu den Vorgängern suchen wir jedoch vergebens. Klar, man merkt, dass es für die aktuelle Hardware-Generation gemacht ist, aber so richtig überzeugt es nicht.
Das Leveldesign der Karte ist ein bisschen unausgewogen. Wenn wir im Frühling an den blühenden Sakura-Bäumen (Kirschblüten) vorbeirasen oder durch die dichten Wälder fahren, sieht das Spiel einfach nur fantastisch aus. Auch die Landschaften und Reisfelder passen perfekt ins Bild. Aber wenn man sich die Randgebiete, versteckten Pfade und Tempelanlagen genauer ansieht, wirkt die Gestaltung oft etwas lieblos.
Am meisten hat jedoch Tokio enttäuscht. Die Entwickler haben die Stadt und ihre „Vertikalität“ durch Hochstraßen im Vorfeld riesig angepriesen. Wenn man dann dort ist, denkt man sich: Das ist eigentlich nichts Besonderes und sollte für eine Metropole wie Tokio schlichtweg normal sein. Das größte Problem der Stadt ist aber, dass sie einfach nicht dicht genug gebaut ist. Tokio ist wie eine Betonwüste ohne echtes Leben. Auf dem Land, in den Bergen und Wäldern, ist diese Leere durchaus erträglich und passend, aber in einer Millionenstadt zerstört sie die Immersion massiv.
Flache Motoren und Radio-Eintönigkeit: Der Sound
Wenn die Optik nicht mehr so toll ist, macht das die Akustik wenigstens wieder gut? Leider nein. Gerade bei einem Rennspiel, wo man stundenlang den Motor hochjubelt, ist der Sound echt wichtig. Aber die Motorensounds in Forza Horizon 6 sind ziemlich flach. Selten macht es den Eindruck, dass es bei den markanten japanischen Motoren, egal ob Wankelmotor oder ein klassischer Boxer-Motor, Unterschiede gibt. Es fehlt an Wucht und Tiefe.
Und auch das Radio ist eine echte Enttäuschung, wenn man sich das volle Potenzial des Japan-Settings vor Augen hält. Wenn wir durch Tokio oder die ländlichen Regionen cruisen, kann das Radio die Stimmung nur unzureichend einfangen. Es gibt tatsächlich nur einen einzigen Radiosender mit echten Japaninhalten. Das ist echt zu wenig! Die anderen Sender klingen fast genauso, als hätte man die Playlists einfach aus den letzten Jahren kopiert. Hier wurde echt viel Potenzial für eine authentische Atmosphäre auf der Strecke verspielt.
The Review
Forza Horizon 6 (Xbox Series)
Forza Horizon 6 ist ein Spiel, das seine Wurzeln nicht verleugnen kann. Das kann man als positiv oder negativ sehen. Wir bekommen eine tolle Landschaftsgestaltung und solide Technik auf der aktuellen Konsolengeneration. Das Fahren, besonders das Driften auf den Bergpässen, macht nach wie vor unheimlich viel Spaß. Arcade-Racer-Fans und alle, die auf Japan stehen, können hier zugreifen. Andererseits gibt es eben die fehlende Herausforderung, die vielen Wiederholungen der Rennarten, das Lootbox-artige Fortschrittssystem und die sterilen Stadtgebiete. Teil 4 und 5 sind recht ähnlich. Es ist ein schöner Urlaubstrip, der aber schnell zur Routine wird. Oder, um es mit einem Augenzwinkern zusammenzufassen: Nett hier, aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?
PROS
- Traumhaftes Setting (Sakura-Blüte!)
- Witzige Missionen (z. B. Essenslieferant)
- Garagen-Editor mit Community-Vorlagen
- Entspannter (wenn auch fehleranfälliger) Auto-Drive
- Größere Karte
CONS
- Kaum nennenswerte Unterschiede zu den Vorgängern
- Repetitive Rennarten und wenig Herausforderung
- Lootbox-Mechanik (Wheelspins) bei USK 6
- Sterile Stadtgebiete und schwache Soundkulisse

