Die Messehallen in Köln beben, die Schlangen sind endlos, und die Vorfreude auf die neuesten Titel ist greifbar. Doch wer auf der gamescom und der gamescom dev 2026 ein physisches Andenken an sein Messe-Erlebnis mit nach Hause nehmen wollte, musste oft eine unerwartete Währung bereithalten: die eigene digitale Identität. Der Tausch von billigem Plastik-Merch gegen wertvolle Follower-Zahlen hat dieses Jahr ein Frustrationslevel erreicht, das den Spaß am Ausprobieren massiv dämpft.
Die Sunk-Cost-Falle am Controller
Das Szenario spielte sich in den Hallen tausendfach ab: Man stellt sich 45 Minuten an, oftmals viel länger, spielt voller Begeisterung eine Demo und steuert danach auf den Tresen zu, wo die heiß begehrten Schlüsselanhänger, Poster oder T-Shirts liegen. Doch statt eines Lächelns und eines Goodies heißt es plötzlich: „Zeig mir dein Handy.“ Die Ausgabe der Belohnung ist an einen direkten, vor den Augen des Standpersonals durchgeführten Follow auf Social Media geknüpft. Wer sich weigert, geht leer aus, egal, wie lange man vorher brav in der Schlange stand. Besonders bei diversen Ständen von Publishern außerhalb der EU, häufig aus dem asiatischen Raum, galt die eiserne Regel: Kein Twitter, kein Loot.
Plattform-Zwang am Puls der Zeit vorbei
Die Wahl der verlangten Plattformen wirkt dabei oft wie aus der Zeit gefallen oder schlichtweg ignorant gegenüber aktuellen Entwicklungen:
- X (ehemals Twitter): Die Plattform ist seit Jahren hochumstritten. Viele Gamer und Entwickler haben der Seite längst den Rücken gekehrt. Dennoch wird man am Stand quasi gezwungen, sich in dieses toxische Umfeld zu begeben oder extra einen Wegwerf-Account anzulegen, nur um ein Schlüsselanhänger zu bekommen.
- Facebook: Einige Stände verlangten allen Ernstes einen Like auf Facebook, einer Plattform, die im Gaming-Diskurs der U40-Generation quasi keine Rolle mehr spielt und eher wie ein Relikt aus den 2010er-Jahren wirkt.
- LinkedIn auf der Devcom: Auch das B2B-Umfeld war nicht sicher. Auf der gamescom dev wurde Networking oft mit Zwang verwechselt. Wer ein Plüschie wollte, musste seinen QR-Code für LinkedIn scannen lassen. Dabei gibt es gerade in der Entwicklerszene genügend kreative Köpfe, die bewusst auf ein solches Corporate-Profil verzichten.
Erpresste Reichweite ist keine echte Reichweite
Dieser lax geführte Umgang mit den Daten und Profilen der Besucher hinterlässt einen faden Beigeschmack. Es verwandelt begeisterte Fans in reine Metriken-Lieferanten für das nächste Marketing-Meeting der Aussteller. Wenn ein Spiel gut ist, reden die Leute von ganz allein darüber. Doch wenn der einzige Weg, die Messe-Erinnerung in den Händen zu halten, darin besteht, seine Prinzipien über Bord zu werfen und Plattformen zu füttern, die man eigentlich meidet, verfehlt die gamescom ihren eigentlichen Kern: die ehrliche Begeisterung für das Medium Videospiel.

